Bauen mit Lehm

Das Bauen mit Lehm ist beinahe so alt wie das Bauen selbst. Dabei ist es weniger erstaunlich, dass er nun als nachhaltig ökologischer Baustoff wiederentdeckt wird, sondern die Tatsache, dass er so lange vergessen gewesen ist.

Visionäre Ideen haben oftmals einen ganz konkreten Auslöser. Manch einer mag sich an das alte Lehmhaus seiner Großeltern erinnern, an erdfarbene Wände, ihre rauen Oberflächen. Ein anderer kam zu der Erkenntnis, dass Diffusionssperren in Wänden Feuchte stauen, was Schimmel, Schwamm und trockene Raumluft begünstigt. Eine Frau schwärmt vielleicht von einem Lehm­haus auf einer griechischen Insel, in dem sie einen Sommer verbrachte, ganz ohne Schlafstörungen, Allergien und Dauerschnupfen. Eine Musikerin lobt die Akustik in ihrem gerade gebauten Holz-Lehm-Haus und berichtet, dass ihre Instrumente jetzt seltener gestimmt werden müssen. Ein nächster kalkuliert, dass er nicht mehr als eine Schubkarre Sondermüll abtransportieren muss, sollte er sein Haus abreißen, der Rest ist kompostierbar. Allen diesen Menschen sind zwei Dinge gemeinsam: Sie haben eine Vision von einem umweltschonenden, nachhaltigen und wohngesunden Bauen und sie geben dem Lehm darin eine tragende Rolle. Sie sind Handwerker, Architekten, Hersteller oder Bewohner von Lehmhäusern.

„Um Gottes willen, das schimmelt doch“, hörte Christine Schäfer, als sie einer Bekannten von ihrer Idee erzählte, ein Lehm- haus zu bauen. „Da habt ihr ständig Risse in den Wänden“, warnte ein anderer, und: „Das könnt ihr euch gar nicht leisten. Bauen mit Lehm ist teuer!“  Das war 2003. Drei Jahre später bezogen Christine Schäfer, Kirchenmusikerin, ihr Mann Martin und die zwei Kinder ihr neu errichtetes Holz-Lehm-Haus in Mahlow bei Berlin. Heute, noch einmal drei Jahre später, resümieren sie: „Ein Lehmhaus muss nicht teurer sein als ein konventionell gebautes Qualitätshaus.“

Konventionell?

In Zeiten der drohenden Umweltkatastrophen und der notwendigen Einsparung von Energie und Ressourcen bezeichnet man als konventionelle Baustoffe diejenigen, die mit einem hohen energetischen Aufwand produziert und später als Sondermüll entsorgt werden müssen. Dazu zählen Beton, Gips, Kunststoffe und Mineralwolle – um nur einige zu nennen. Während diese Baustoffe durch ihre hochenergetische Herstellung chemische Veränderung molekular starrer Struk­turen erreichen, die sie hart, also widerstandsfähig machen, werden naturbelassene Baustoffe wie Lehm, Holz und auch Flachs nur physikalisch bearbeitet. Ihre che­mische Struktur ändert sich nicht. „Sie leben“, sagt man, oder „sie atmen“. Und tatsächlich treten sie mit ihrer Umgebung in Wechselwirkung. Sie erlauben etwa das Diffundieren, Passieren von Feuchte und Luft.

Diese Lebendigkeit ist ein  Grund für das spürbar angenehme Raum­klima in Lehmhäusern. Lehm ist in der Lage, Feuchtigkeit aufzunehmen, zu speichern und wieder abzugeben. In richtig konstruierten Lehmbauten herrscht eine stabile relative Raumfeuchte von  45 bis 55 Prozent, eine Umgebung, die für die menschliche Gesundheit optimal ist. Aber Lehm tut noch mehr: Er absorbiert Gerüche, filtert Schadstoffe, schirmt hochfrequente Strahlung ab und konserviert Holz. Lehm kann zu vielen verschiedenen Baustoffen verarbeitet werden, zu Mörtel und Putz, Füllmasse, luftgetrockneten Steinen, Wänden und Öfen. Mit Stroh, Textilfasern, Tierhaaren und mineralischen Partikel, wie Bims, Lava, Blähglas und Blähton verbessern Handwerker und Hersteller seine Qualität. Lehm wird so zum Beispiel fester und kann besser Wärme dämmen.

Doch um all die Möglichkeiten des Lehms wirklich nutzen zu können, braucht man die richtigen Fachkräfte. Dirk Homann ist einer von ihnen. Der Architekt betreute den Bau des Hauses der Familie Schäfer. Er ist einer von etwa 15 Architekten, die im Großraum Berlin-Brandenburg ökologisch-nach- haltig bauen und deshalb mit dem Baustoff Lehm bestens vertraut sind.

Nebenprodukt Lehm

„Lehm als Baustoff selbst ist nicht teuer“, sagt er. „Oft genug kann er direkt aus einer nahen Grube bezogen werden.“ Denn Lehm ist nichts anderes als ein Verwitterungsprodukt der Gesteinsschicht unserer Erde. Bei fast jedem Aushub für Keller und Fundament wird man auf Lehm stoßen, nur ist die Frage, in welcher Form. Lehm ist nämlich nicht gleich Lehm. Es gibt tausende Arten von Lehm und ebenso viele Möglichkeiten, ihn zu verarbeiten. Und deshalb ist Lehm kein genormter Baustoff. Zwar bemühten sich unsere Vorväter um die S­t­an­dardisierung der Lehmbaustoffe, doch wurden alle DINs, die den Lehmbau betreffen, 1971 als überaltert zurückgezogen. Ersetzt werden sie heute durch die „Lehmbau Regeln“, die der Dach­verband für Lehmbau herausgibt. In diesem Jahr ist das Buch in seiner dritten überarbeiteten Auflage erschienen. Darin haben Ingenieure, Handwerker und Wissenschaftler ihre Erfahrungen am Bau, Kenntnisse aus Forschung und Überlieferung zusammengetragen und zu Nor- men und Bauanleitungen formuliert. Diese gelten gesetzlich als bindend, egal ob man Lehmbauprodukte vorgefertigt von Baustoffherstellern bezieht oder aber selbst auf der Baustelle produziert.

„Eine Lehmbaustelle verlangt fachspezifische Planungsleistung und eine Menge qua- lifizierter Handwerksleistung“, erklärt Dirk Homann. Und das erhöht die Kosten. Doch der natürliche Baustoff ist perfekt für Eigenleistung. Unter fachlicher Anleitung können Laien selbst bauen und damit die Kosten wieder senken. Da der Baustoff nicht chemisch verändert wird, ist Lehm weder ätzend, wie Kalk zum Beispiel, noch in anderer Weise gesundheitlich bedenklich oder gar gefährlich. Ist Lehm einmal getrocknet, kann er problemlos wieder mit Wasser aufgeweicht werden. Nicht mehr benötigter Lehmbaustoff kann „spurlos“ in den Naturkreislauf zurückgeführt oder aber neu verbaut werden. Dies ist ein Vorteil, der sich kurioserweise aus einem Nachteil des Lehms begründet. Denn Lehm ist feuchteempfindlich. Alle Lehmbaustoffe müssen vor Wasser geschützt werden.
Ein Lehmhaus braucht im- mer einen guten Hut und einen guten Stiefel, besagt eine alte Weisheit. Stiefel meint hier die Trennung des Lehmbaus vom Gelände oder Fundament. In alten Häusern sieht man diesen Stiefel in Form von Felssteinsockeln und solchen aus Ziegelsteinen über dem Boden. Der Hut ist das Dach, Überstände sind hier unerlässlich. Regenfeste Putze, Anstriche oder Verkleidungen sind für die Wetterseite mindestens empfehlens- wert. In der Zwischenzeit gibt es ebenfalls Lehmaußenputze, die durch Zusätze und eine besondere Verarbeitung das Wasser abwenden können.

Immer individuell
Lehm fordert anders als herkömmliche Baustoffe individuelle Lösungen. „Möchte jemand mit Lehm bauen“, sagt Dirk Homann, „müssen wir erst einmal die Gegebenheiten vor Ort prüfen und die Wünsche der Bauherren klären. Oft ist es ein Kompromiss zwischen so viel Lehm wie möglich und so wenig Kosten, das heißt Aufwand, wie nötig.“ Am Bodengutachten sollte nicht gespart werden. Denn es geht um den Baugrund. Nebenbei erfährt man auch, ob nicht sogar eine Lehmader auf dem Grundstück vorhanden ist. Bei der Familie Schäfer gab es zwei Nachrichten, eine erfreuliche und eine, die den Architekten in seiner Kreativität forderte. Sie hatten eine durchaus verwendbare Lehmader auf ihrem Grundstück, doch der Boden war sehr feucht und nur bedingt tragfähig. „Kein wirklich guter Grund für ein Lehmhaus“, sagte Homann und entwickelte eine schwebende Konstruktion. Das Haus steht auf drei Betonsockeln über dem Boden und ist damit vor Bodenfeuchte geschützt. Eine doch sehr aufwendige Feuchte-Sperrschicht war so nicht nötig.

Da stecken sie drin
„Viele Lehmbau-Familien wünschen sich, etwas von der Erde, die sie ausgehoben haben, in ihren Häusern zu verbauen“, berichtet uns Dirk Homann. Doch das erfordert einen Aufwand, den man heu-te kaum noch rechtfertigen kann. Denn der Lehm, der aus der Erde gewonnen wird, muss bearbeitet werden. Und 40 Tonnen Lehm, wie sie die Schäfers zum Beispiel verbauten, erfordern eine enorme Lagerka- pazität. Ein Kompromiss ist, viele der Fertigbaustoffe vom Hersteller direkt zu beziehen, dazu Tonmehl für Innenflächen und diese dann anschließend mit dem heimischen Sand abzumagern. Oder aber … „Da stecken sie drin“, sagt Martin Schäfer und zeigt auf eine Wand hinter dem Ofen im Wohnzimmer. Sein Stolz steht ihm ins Gesicht geschrieben. Selbst gefertigte Lehmbausteine aus der Grube unter dem Haus. Die ganze Familie hat mitgearbeitet, „Das macht irre Spaß“, erinnert sich der Informatiker. Zu- nächst wurde der geborgene und gereinigte Lehm mit Wasser geschmeidig gemacht, dann mit Stroh versetzt, den sie von einem benachbarten Bauernhof erworben und selbst zu Häckseln geschnitten hatten. Mit den Füßen wurde dann das Ganze zu Leichtlehm vermischt, dann füllten sie Lehm in eine selbst gebaute Form, anschließend den geformten Stein auf ein Brett, um ihn trocknen zu lassen.
„So haben das auch unsere Vorfahren gemacht“, sagt Dirk Homann. Das Skelett, meist ein Holzbau, stellte der Zimmermann. Die Familien füllten es dann mit Lehm. Welchen Lehm man wie verwendet, das war ein Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wur- de. Ein Beispiel ist der mit Dung und Ochsenblut versetzte Lehm, den man an vielen Außenwänden alter Häuser findet. Die Wissenschaft zeigte, dass es die Harnsäuren und Eiweiße sind, die Lehm witterungsbeständiger machen.

Wissen weitergeben

Mit der Verdrängung des Lehms als Baustoff zu Beginn der Industrialisierung und dem Produzieren wasserfester Baustoffe ging auch das Volkswissen verloren. Heute bemühen sich die Lehmbauer und Lehmbauarchitekten, die Kenntnisse wieder zusammenzutragen, in Literatur und Kursen geben sie sie weiter. Solche Lehrgänge sind zum Beispiel für Maurer und Zimmerleute eine Qualifikation und können für Absolventen des Architekturstudiums der Beginn einer Spezialisierung sein. Die vom Dachverband Lehm angebotenen Kurse treffen aber auch bei Laien auf reges Interesse. Immer häufiger nutzen Menschen, die mit Lehm bauen oder ein Lehmhaus sanieren wollen, ein solches Weiterbildungsangebot. Auch Martin Schäfer hatte seine erste Berührung mit Lehm als Baustoff in einem solchen Kurs.

Fachwerkhaus
Es gibt zwei Grundarten von Lehmbauten. Es sind das massive Lehmhaus mit tragenden Wänden aus Lehm und der Traggerippe-Lehmbau. Das bekannteste Beispiel für Letztgenanntes ist das Fachwerkhaus. Hierbei werden die Auflasten vom Holzgerüst abgetragen, der Lehm füllt das Skelett. Das Traggerippe kann aber auch aus jedem anderen beliebigen Baustoff bestehen, aus Stahl, Stein oder Beton. Der massive Lehmbau dagegen kommt ohne eine solche Stützkonstruktion aus. Die dafür benötigten lastabtragenden Lehmwände können in Form von Stampflehm in Schalbrettern gestampft werden. Oder aber Lehm wird massiv in Form von Lehmsteinen gemauert oder aus handgeformten Patzen geschichtet. Der Massiv- lehmbau hat in Deutschland niemals eine große Rolle gespielt. Es gibt allerdings einzelne Beispiele in Deutschland und viele anderswo, die zeigen, dass es technisch durchaus möglich ist, ein massives Bauwerk nur aus Lehm zu bauen. In Asien, Afrika und anderen europäischen Ländern wird massiver Lehmbau seit Jahrhunderten erfolgreich durchgeführt.

Die seit den Achtzigerjahren gebauten Lehmhäuser in Deutschland knüpfen in der Mehrzahl an die Skelettbauweise der alten Fachwerkhäuser an, wobei den architektonischen Entwicklungen keine Grenzen gesetzt sind. Doch Lehm und Holz sind das ideale Paar. Da Lehm auf einer Gleichgewichtsfeuchte von drei bis fünf Prozent trocknet, pegelt sich von Lehm umgebenes Holz auf zehn Prozent Restfeuchte ein. Darin haben Pilze und tierische Holzschädlinge keine Chance, denn sie brauchen eine Umgebung von mindestens 15 Prozent Feuchte. Lehm ist also ein natürlicher Holzschutz.

Die Herausforderung für den Lehmbau ist die Wärmedämmung. „Lehm an sich ist ein guter Speicher, ergibt jedoch keine gute Dämmung“, erklärt Dirk Homann. Zwar wird die Dämmfähigkeit durch Zuschlag-stoffe wie Stroh, Schilf, Bims, Blähton und andere poröse Materialien erhöht, doch schafft es eine Lehmwand in normal dimensionierter Konstruktion nicht, die Anforderungen an eine moderne Wärmedämmung zu erfüllen. Lehmbauten müssen zusätzlich gedämmt werden.

Sehr gute Erfahrungen gibt es mit Flachsdämmung, einem ökologischen Baustoff. Flachs in Kombination mit einer inneren Lehmmasseschicht und einer in Lehm gehüllten Wandheizung erreicht eine optimale Wärmedämmung, die eben nicht die Diffusionsfähigkeit der Außenwand verringert. Was schließlich das so oft gelobte Raumklima der Lehmhäuser  verschafft. Der Lehmbau in Deutschland ist mit seinen zwei Prozent am gesamten Bauvolumen eine Nische. Noch – muss man sagen. Denn der Verkauf von Lehmbauprodukten nimmt seit 15 Jahren kontinuierlich zu. „Auch dieses Jahr rechnen wir mit einer Wachstumsrate von 15 bis 20 Prozent“, sagt Jörg Meyer. Er ist Gründer und Chef von Conluto, einem der größten Lehmbaustoffhersteller von etwa 20 in Deutschland.  Als er 1990 auf einem Bauernhof begann, ein paar Tonnen Lehm aus einer benachbarten Grube zu fördern und diesen dann aufbereitet in alten Fachwerkhäusern der Gegend einbaute, hat man ihn noch belächelt. Warum sollte man bei der großen Palette preiswerter wasserfester und industriell hergestellter Bauprodukte wie Gips, Beton und Ziegelsteinen wieder in der Erde wühlen? Heute produziert er etwa 16.000 Tonnen vorgefertigter Lehmbauprodukte und wird von manchem als visionärer Unternehmer bewundert.

 

 

 

 

Unser Buchtipp zum Thema Bauen mit Lehm:

 

 

Text: Marion Müller-Roth, aus greenhome Magazin. Die Bilder wurden uns freundlicherweise von Architekt Dipl.-Ing. Dirk Homann zur Verfügung gestellt. Einem ausgewiesenen Lehmbauexperten.

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3 Responses

  1. robert knapp sagt:

    aufpassen – was ist im lehmputz drinnen und wie weit wird er transportiert ?
    bitte nur ton und sand ( eventuell farbpigmente natürlich )und nicht weiter als 100 km !

  2. Gerd Meurer sagt:

    Natürlich macht es Sinn, gerade Baustoffe, die sich durch ein hohes Gewicht auszeichnen reginal zu produzieren.
    Nur wenn die Baustoffe bezahlbar bleiben sollen bedingt das Mengen die gerade für Lehmbaustoffe noch nicht da sind. Es hat auch was sehr nachhaltiges Nahrungsmittel und anderer Waren soweit wie möglich regional zu kaufen.

  3. Kassandra sagt:

    Toller Artikel mit vielen wichtigen Infos! Ich bin schon länger auf der Suche nach Infos über die “Lehmbauweise”. Mittlerweile wird das wirklich immer attraktiver für uns. Danke nochmal :-)

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