Solarstrom selbst nutzen

Mein Kraftwerk bin ich. Steigende Strompreise und fallende Kosten für Solartechnik: Kluge Menschen steigen nicht nur auf Sonnenstrom um, sie nutzen ihn auch selbst. Ab Juli wird diese Möglichkeit verstärkt gefördert.

Alle Jahre wieder: Zahlreiche deutsche Stromversorger haben zum Jahreswechsel kräftig die Preise erhöht, andere zogen Anfang April nach. Steigende Einkaufspreise für Gas, Öl und Uran sowie der Emissionshandel für Kohlendioxid, der ab 2013 in Europa eingeführt wird, werden die Kostenschraube künftig weiter nach oben drehen. Der Strom aus fossil-nuklearen Kraftwerken kann nur teurer werden. Anders der Strom von der Sonne. „Um den steigenden Strompreisen gegenzusteuern, wird selbstgenutzter Solarstrom künftig stärker gefördert“, sagt Alexander Kohl, Solarexperte aus Bayern. „Seit 2009 wird der Eigenverbrauch mit einem festen Preis vergütet, nun legt der Staat noch mal was drauf. Der rechnerische Vorteil gegenüber eingespeistem Solarstrom könnte auf zehn Cent wachsen.“ Derzeit sind es ungefähr vier Cent.

Die Bundesregierung will den Eigenverbrauch von Solarstrom unterstützen. Bisher spielte diese Variante der Solartechnik in Deutschland kaum eine Rolle, die allermeisten Solaranlagen speisen ihren Strom komplett ins Netz ein. Für jede Kilowattstunde kassieren ihre Betreiber eine garantierte Einspeisevergütung. Ab Juli will der Staat die Selbstnutzung von Solarstrom in privaten Haushalten begünstigen, um die Strompreise und die Versorgungsnetze zu entlasten. Noch stehen die Modalitäten nicht fest, aber so viel ist bereits klar: „In einigen Jahren wird Sonnenstrom als finanzielle Vorsorge und Renditeobjekt kaum noch eine Rolle spielen, zumindest nicht für private Investoren und auf dem Dach“, prophezeit Ulrich Reidenbach von Phoenix Solar im bayerischen Sulzemoos. „Die steigenden Preise für Strom aus fossilen Kraftwerken und die sinkenden Kosten für Solartechnik machen die Eigennutzung attraktiv.“ Kai Lippert von der Solarfirma EWS in Schleswig-Holstein meint: „Mit der Eigennutzung des Solarstroms kann man die Rendite aus der vollständigen Einspeisung sogar übertreffen.“

Kapitalanlage plus Umweltschutz
Das beweist beispielsweise Familie Moeris in Zülpich bei Köln. Anfang Februar nahm sie eine Solaranlage in Betrieb, die rund sieben Kilowatt leistet. Vier Personen leben in dem Einfamilienhaus auf rund 140 Quadratmetern Wohnfläche. Einen Teil des Sonnenstroms verbraucht die Familie selbst. „Dadurch können wir die Kapitalanlage mit echtem Umweltschutz verbinden“, erläutert Thomas Moeris. „Im ersten Monat haben wir den gesamten Strom selbst verbraucht.“ Er mutmaßt: „Die Strompreise werden eher steigen als fallen. Das wird den wirtschaftlichen Vorteil der Selbstnutzung erhöhen.“

Seine Anlage aus kristallinen Siliziummodulen stromt von einem steilen Schrägdach mit Eindeckung aus Ziegeln. Weil das Haus kein nach Süden ausgerichtetes Dach hat, wurden zwei Dachflächen nach Südosten und Südwesten bestückt. Die beiden Solargeneratoren liefern ihren Strom an zwei Wechselrichter im Keller. Sie setzen den Gleichstrom in netzfähige Wechselspannung um. Auch Waschmaschine, Kühlschrank und Fernseher benötigen Wechselstrom. Insgesamt hat die Familie rund 22.000 Euro für die Anlage bezahlt, inklusive Zähler, Versicherung und Anschaltung für die Netzeinspeisung.

Den gesamten Strom selbst erzeugt
Ein anderes Beispiel bietet das Haus der Familie Weiss in Kappeln, etwa auf halber Strecke zwischen Kiel und Flensburg. Bis weit in den März hinein konnte sie den gesamten Strom aus der Anlage selbst verbrauchen. Rund 3,6 Kilowatt Solarleistung reichten aus, um den geräumigen Winkelbungalow zu versorgen. „Auch bei uns an der Küste lohnt sich die Sache“, urteilt Tino Weiss. „Durch den Preisverfall im letzten Jahr ist die Solartechnik sehr lukrativ.“

Äußerlich ist die Selbstnutzung von einer einspeisenden Solaranlage kaum zu unterscheiden. „Dazu wird lediglich der Zähler zum Netz zu einem sogenannten Zweirichtungszähler umgebaut“, erklärt Daniel Brandl, Solarhandwerker aus der Nähe von Stuttgart. „Er erfasst, wie viel solarer Wechselstrom eingespeist wird und wie viel Strom man beim regionalen Versorger kaufen musste. Ein zweiter Zähler erfasst den Stromverbrauch im Haushalt. Aus der Differenz ermittelt man, wie viel Kilowattstunden Sonnenstrom man selber verbraucht hat und abrechnen kann.“ Dieses Prozedere ist etwas aufwendiger als bei einer reinen Netzeinspeisung. „Deshalb empfehle ich solche Anlagen nur für Einfamilienhäuser“, schränkt Brandl ein. „In einem Gebäude für zwei oder vier Familien steigt der Aufwand, um die Verbräuche den einzelnen Haushalten exakt zuzuordnen und die Vergütung entsprechend aufzuteilen. Davon rate ich ab.“

Die Sonne schickt keine Rechnung und Vater Staat gibt Geld. Vorausgesetzt, es handelt sich um die teilweise Selbstnutzung mit Anschluss an das Netz. Dann wird der verbrauchte Solarstrom vergütet, auch wenn kein Strom eingespeist wird. Speist man solare Überschüsse ins Netz, werden sie entsprechend nach einem anderen Satz vergütet. Doch Vorsicht: Handelt es sich um eine sogenannte Inselanlage, gibt es keinen Heller als Förderung. Darunter versteht man Solarstationen, die ohne Netzanschluss stromen, etwa auf Berghütten in den Alpen oder in Gartenlauben. Um den Solarstrom vom Dach zu puffern, brauchen sie große Akkupakete. Meist werden solche Gebäude nicht übers ganze Jahr bewohnt oder genutzt.

Sonderfall Selbstnutzung
Im Sinne der Vergütungsregeln stellt die Selbstnutzung einen Sonderfall der Netzeinspeisung dar. Zunächst deckt die Solaranlage den Strombedarf im Haushalt. Liefert sie zu wenig Strom, kauft der Betreiber ganz normalen Strom aus dem Netz, den er natürlich bezahlen muss. Übersteigt ihr Solarertrag den Verbrauch, speist die Anlage ihre Überschüsse ins Netz ein. „Ob sich das lohnt, muss man sich genau ansehen“, rät Daniel Brandl. „Denn der meiste Strom fällt mittags und im Sommer an.

Die Technik eignet sich vor allem für Familien, bei denen auch tagsüber Leben im Haus ist. Etwa, weil die Kinder von der Schule kommen und die Mikrowelle anschalten.“ Auch für Familie Moeris, die wirtschaftliche und ökologische Gründe in Einklang bringen will, sei diese Variante ideal. „Ihnen bietet die Selbstnutzung einen guten Weg, den Worten Taten folgen zu lassen“, lobt Brandl. „Die Anlage sollte so geplant und gebaut sein, dass im Jahres- durchschnitt mindestens ein Drittel des Solarstroms unmittelbar im Haushalt verbraucht wird. Sonst lohnt sich der Aufwand nicht.“ Denn der Zweirichtungszähler kostet ca. 250 Euro mehr als der Zähler für die normale Einspeisung. Martin Holand-Cunz, Experte für Wechselrichter und Solarstrom bei der Firma Sputnik in Neuhausen auf den Fildern, gibt einen wichtigen Tipp: „Solaranlagen können auch dreiphasigen Kraftstrom erzeugen. Dafür muss der neue Zähler aber vorbereitet sein.”

Auch die Verbraucher kann man anpassen. Moderne Haushaltsgeräte verfügen über eine Zeitschaltfunktion. Man kann sie programmieren, sodass sie um die Mittagszeit anspringen, wenn die Solaranlage kräftig Energie liefert. Die Waschmaschine, der Geschirrspüler oder die Ladeeinheit für die Batterie des Rasenmähers sind dafür besonders geeignet, ebenso die Batterien eines Elektrorollers oder eines Elektroautos. Auch Kühlanlagen, die mittags schon mal mit der größten Hitze kämpfen, lassen sich ausgezeichnet durch Sonnenstrom versorgen. Denkbar ist auch, bestimmte elektrische Verbraucher auf Gleichstrom umzurüsten. Der Markt bietet dafür zunehmend Geräte an.

Richtige Entscheidung
Thomas Moeris aus Zülpich ist sich sicher: „Das war die richtige Entscheidung.“ Mit der Sonne steigen die Erträge seiner Anlage. „Ich bin sehr gespannt, welche Werte wir im Sommer erreichen, wenn die Sonne richtig feuert.“ Und er schaut noch weiter: Derzeit läuft im Keller ein Ölkessel, um das Gebäude in der Heizperiode zu wärmen. Er wurde im Jahr 2000 installiert, macht es noch ein paar Jährchen. „Wenn wir später auch die Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien umstellen, denke ich an eine Wärmepumpe“, meint er. „Sie braucht nur etwas Strom für den Antrieb, dafür könnten wir Solarstrom verwenden.“ Denkbar wäre bei dieser Konstellation, zunächst das Warmwasser durch eine kleine Wärmepumpe oder elektrische Durchlauferhitzer zu erzeugen.

Im Sommer wird dann das Haus hauptsächlich durch die eigene Solaranlage versorgt. Das spart viel Öl, denn in den warmen Monaten bleibt der Kessel ausgeschaltet. Er muss letzlich nur noch im Herbst und Winter laufen, um die Räume zu heizen. Später lässt er sich problemlos durch eine zweite Wärmepumpe ersetzen. Vielleicht in Kombination mit einem Scheitholzkamin, um auf ein behagliches Knistern des Feuers nicht gänzlich verzichten zu müssen.

Der Artikel wurde von Heiko Schwarzburger für das greenhome Magazin verfasst

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1 Response

  1. Die autarke Energieversorgung wird in Zukunft noch eine größere Rolle spielen da die Strompreise garantiert weiter nach oben getrieben werden. Der richtige Schutz für die Solaranlage sollte aber auch bedacht sein. Es gibt Versicherungen, die alle Gefahrenbereiche der Photovoltaik bis hin zur Einspeisevergütung für kleines Geld abdecken:
    http://www.transparent24.de/Photovoltaik/

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