Natürlich mit Stil

Stucco veneziano, calce, gesso heißen ökologische Edel-Innenputze auf der Basis von reinstem Kalk. Eine griechische Firma namens Kourasanit  bietet mit einem Mörtel auf der Basis von Lavagestein sogar einen Estrich.

“Manchmal kommt alles zusammen“, sagt Elke Wulf, die Inhaberin von Natur am Bau, einem ökologischen Baustoffhandel in der Mitte Berlins. Ein Mann in weißer Malerkleidung steht auf der Leiter, er verspachtelt Mörtel der Firma Kourasanit an einer ehemals lehmverputzten Wand. Elke Wulf testet ein neues Produkt. Es ist nicht die erste Umgestaltung in diesem Jahr. Die Handwerker lernen dabei die Technik des neuen Produktes und das Ergebnis können die Kunden im Laden dann direkt betrachten. Kourasanit, eine Firma aus Griechenland, bietet einen Mörtel auf der Basis von Lavagestein: Ein Mörtel, der sich für innen und außen eignen soll, verspricht der Hersteller. Gleichermaßen also für Innenwände, Bäder und auch für Böden und das alles auf Basis absolut natürlicher, gesundheitlich unbedenklicher, ja sehr alter Baustoffe.

Elke Wulf ist begeistert, zumal es in diesem Jahr schon die zweite Entdeckung wäre. Die andere Idee kam ihr auf einer Reise nach Venedig. Venedig ist die Stadt der Kanäle und jahrhundertealter Palazzi. Die Baustoffhändlerin fragte sich, wie konnten sich in so feuchter Umgebung die Prunkhäuser mit ihren Fassaden und schmuckvollen Dekorationen so lange halten? Venedigs Fassaden, das weiß man, sind mit Kalk verputzt, und zwar innen wie außen. Ganz ohne chemische, künstliche, gesundheitlich zumindest heute hinterfragte Zusatzprodukte. Denn Kunstharze, Kleber, Silikone oder Dispersionsfarben gab es damals noch nicht.

Putze, nicht nur für Venedig
Der Umgang mit Feuchte ist neben der Dämmung – und mit ihr im Zusammenhang – das entscheidende Thema, wenn es um unsere Gebäudehüllen und ihre Putze geht. Außenputze müssen Wind sowie Wetter standhalten und Wasser abweisen. Innenputze sollen dagegen die Raumluftfeuchte, die durch die Atemluft, Duschen und Kochen entsteht, aufnehmen, speichern und wieder abgegeben. Tau- und Kondenswasser dürfen sich zu keiner Zeit an und in der Wand stauen, denn dann entsteht das Klima, in dem sich Schimmelpilze bilden. Schimmelpilze sind eines der größten Probleme in unseren zeitgenössischen Gebäuden, die der menschlichen Gesundheit schaden.

Umweltmediziner wie Frank Bertram aus Bayern bemerken, dass Allergien gegen Schimmelpilze und flüchtige Organische Verbindungen, VOCs, dramatisch zunehmen. Baubiologen postulieren sogar eine neue Volkskrankheit, die wir uns in unseren hochgedämmten und zugleich stark chemikalisierten Räumen regelrecht heranziehen. Schimmelpilze bilden Mykotoxine, auf die der menschliche Körper mit Allergien reagiert. In einer chemikalisierten Umgebung sind diese besonders giftig und aggressiv. So zum Beispiel in Gips. Zwar ist dieser mineralische Baustoff natürlich, er kann auch Feuchte aufnehmen, sie speichern, auch wieder abgeben.

Aber Gips ist auch ein sehr leichter Baustoff und er ist sehr schnell gesättigt, die Feuchte fällt dann auf seiner Oberfläche ab. Heute enthalten die meisten angebotenen Baugipse Zuschlagstoffe, die bei einer Menge von bis zu 20% nicht deklariert werden müssen. Die weit verbreiteten REA-Gipsplatten entstammen Rauchgas-Entschwefelungs-Anlagen, und enthalten die gefürchteten VOCs.

Lehm gegen Strahlung
Lehm ist nach wie vor die beste Wahl, will man wohngesund, ökologisch und nachhaltig bauen und leben. Er ist ein Gemisch aus Ton – als Bindemittel – und den Füllstoffen Schluff und Sand. Lehm trocknet physikalisch, bindet nicht ab, wie Kalk zum Beispiel. Darin liegt seine Stärke, aber auch seine Begrenzung. Lehminnenputze stabilisieren die relative Raumfeuchte von 45% bis 55%, eine Umgebung, die für die menschliche Gesundheit optimal ist. Aber ein Lehmputz leistet noch mehr: Er absorbiert Gerüche, bindet Schadstoffe, dämmt Schall und Hitze und er kann sogar radioaktive Strahlung dämpfen.

Lehminnenputze sind heutzutage in Deutschland sehr verbreitet. Mit nur 5% sind sie wenig teurer als herkömmliche Putze. Doch Lehm ist dauerplastisch, somit relativ weich, nicht stoßfest, reibt leichter ab. Bei direkter längerer Wassereinwirkung löst er sich zu Mörtel auf. Als Außenputz ist er deshalb nicht geeignet – sofern er nicht durch Kalk und bauliche Maßnahmen geschützt wird – und auch nicht dort, wo direktes Wasser auf ihn trifft.

Edler  Lehm – der Tonputz
Der Tonputz, den Michael Weihtrager von der Firma EMOTON, mit Sitz in Österreich, entwickelte, ist eigentlich veredelter Lehm. Er ist mit Tonen angereichert und speziellen Sanden gemischt. Anders aber als bei dem natürlichen Lehm sind die einzelnen Tonsorten ausgewählt und entsprechen Qualitäten von Heilerde, Porzellan und Tonziegeln. Weil der Ton im Lehm der Speicher ist, potenziert dieser „Tonputz“ die Qualitäten eines Lehmputzes. Der Emoton- Tonputz kann drei- bis sechsmal so viel Feuchte resorbieren wie ein Lehmputz.

Bei einer Auftragsstärke von nur einem Zentimeter schafft er dieselben raumklimatischen Vorteile wie Lehm. EMOTON bietet heute sein Produkt als einlagigen Tonputz an, der keinen Vorspritz und Grobputz benötigt. Der Materialaufwand halbiert sich, die Arbeitsstunden verringern sich und die Trocknungszeit ist deutlich kürzer. In Verbindung mit EMOTherm Holzweichfaserplatten bietet die österreichische Firma den Tonputz auch als komplettes biologisches Innenausbausystem und Innendämmung für Holzbau sowie Ziegelhäuser an. Damit ist sie bisher konkurrenzlos..

Putz auf Kalkbasis
Kalk ist wie Lehm einer der ältesten Baustoffe. Früher schon kalkten die Menschen ihre Wände, vor allem zur Desin- fektion und Vorbeugung gegen Schimmel. Kalk ist mit einem hohen pH-Wert alkalisch. Aus der Wahrnehmung als hochwertiger Putz ist er, anders als Lehm, niemals ganz verschwunden. Die herkömmliche Bauindustrie bietet Kalk in allen möglichen Variationen, als Kalkmischputze, als Kalk-Gips-Putze und als Kalk-Zement-Putze. Im Wesentlichen ging es bei diesen Entwicklungen immer darum, die Festigkeit der Putze zu erhöhen, die Zuschlagstoffe möglichst preiswert zu gestalten und die Trocknungszeiten, sprich Arbeitszeiten zu verkürzen. Das führte dazu, dass viele dieser Produkte Schadstoffe enthalten können und die Diffusionsfähigkeit beeinträchtigt wird.

Doch die Zeiten haben sich geändert, inzwischen ist das Bewusstsein der Kunden dafür gestiegen. Einige der etablierten Baustoffhersteller haben deshalb neben ihrer herkömmlichen Produktpalette schon länger eine grüne Linie eingeführt. Schwenks Naturkalkputze kommen ohne Zement oder Dispersion aus, eignen sich für Denkmalpflege und ökologische Bauweise. Auch die Firma Knauf bietet seit inzwischen zehn Jahren Rotkalke. Dieser Trockenmörtel wirbt mit seiner nanoporösen Struktur. Für dieses wundersam klingende Wort sind titandioxidhaltige Zeolithe verantwortlich. Ein Katalysator, der in diesem Putz in der Lage ist, Schadstoffe aus der Raumluft aufzunehmen und abzubauen. Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass sich das Raumklima bezüglich der VOCs nach dem Verputzen mit Rotkalk messbar deutlich verbessert. Doch der genaue chemische Prozess ist bis heute nicht ganz geklärt und damit bleiben auch die Endpro- dukte dieser Vorgänge ein Geheimnis.

Eine rein ökologische Variante des Kalkputzes ist der marokkanische Kalkputz Tadelakt. Gewonnen wird er aus einem natür- lichen Muschelkalk, der in der Region um Marrakesch lagert. Seine fachgerechte Verarbeitung ist eine hohe Handwerkskunst, was zu Preisen von etwa 200 Euro pro Quadratmeter führt. Tadelakt trägt man mit der Kelle auf, mit einem Holzbrettchen wird er geglättet, mit Steinen verdichtet und poliert. Danach wird eine Seife eingerieben und wieder poliert.

Neue Trends aus Paris
Wie jedes Jahr reiste Elke Wulf auch im vergangenen Januar nach Paris zur Messe für Wohnraumgestaltung. Dort werden die Trends für die kommende Saison bestimmt. „Stofflichkeit ist ein Renner, aber auch das klassische, edle Ambiente, Antiklasuren, hochdekorative Innenputze, dunkle Untergründe, mit leuchtenden Farben dekoriert, dazu Beton- und Marmorimitationen.“ Ein harter Putz, der sich für diesen Dekor eignet und 100 Prozent ökologisch ist, fand sie nach ihrer Venedigreise bei dem Hersteller Stucco Pompeji in Thüringen. „Voilà!“, sie deutet auf dekorierte Wandflächen.

„Damit hat der Frühjahrputz in diesem Jahr begonnen.“ Golden schimmern Ornamente auf einem tiefroten Grund. „Ein Blattgoldimitat“, erklärt sie „nur stabiler und preisgünstiger. Das ist Stucco veneziano.“ Daneben ist ein Teil der Wand dunkel gestaltet, mit einem Antikwachs lasiert. Diesen Kalkputz nennt man Stucco gesso, zerriebenes Vulkangestein bewirkt einen edlen Schimmer. Stucco calce ist ein schokoladenbrauner Dekorputz, er veredelt in „Natur am Bau“ einen Heizkörper.

Mediterraner Stil
Stucco Pompeji bietet Marmorpuzzolan-Putze, die Rohstoffe stammen aus dem Mittelmeerraum, die Rezepturen lehnen sich an die der alten Baumeister an. Der marmorähnliche Putz hat seinen Ursprung in der Antike. Damals hatten perfekte Wand- und Deckenbeschichtungen einen äußerst hohen Stellenwert. In Pompeji etwa ließen sich die reichen Römer damit ihre Villen und Paläste schmücken. Der Auftakt zur in Paris deklarierten Renaissance antiker Dekorputze wurde schon vor etwa 100 Jahren gelegt. Damals fand man im Norden von Italien einige Wand- und Deckengestaltungen von herausragender Schönheit. Zunächst glaubte man, sie seien aus Natur- stein oder Marmor. Aber für einen solchen aufwendigen Stuckmarmor hätten dicke Schichten mit etwa zwei Zentimetern Stärke aus Gips oder Kalkputz vorhanden sein müssen.

Untersuchungen ergaben eine hauchdünne Putzschicht von nur zwei bis drei Millimetern und zwar auf der Basis von Kalk. Diese Dekore stammten aus dem 17. und 18. Jahrhundert, waren also mehrere Jahrhunderte alt. Später ergaben Rekonstruktionen, dass der gebrannte und gelöschte Sumpfkalk mit kalkfesten Farben und Marmormehlen aufbereitet worden war. Gebrannter Kalk ist chemisch betrachtet Kalziumoxid. Wenn dieser gelöscht wird, entsteht Kalziumhydroxid. An den Wänden und Decken aufgetragen reagiert das Kohlendioxid der Luft mit dem Kalziumhydroxid zum Kalziumcarbonat. Der gelöschte Kalk an der Wand wird so im Laufe der Zeit zu Kalkstein, und damit – ohne jeden chemischen Zusatz – immer fester und ist wasserabweisend.

Mörtel aus Lava
Inzwischen ist der Mörtel aus Lavagestein getrocknet und Elke Wulf mit dem Ergebnis von der Kourasanit-Präsentation sehr zufrieden. „Das ist eine ganz andere Art von Körnigkeit“, schwärmt die Berliner Baustoffexpertin. Je nachdem, wie ich ihn verpresse, erreicht der Mörtel eine unter- schiedliche Struktur und Härte. Er hat das Europäische Zertifikat der unbedenklichen Baustoffe und ist ab 15 Euro für den Quadratmeter absolut konkurrenzfähig. „Er könnte das Brot unter den natürlichen Mörteln sein“, erklärt Elke Wulf. Auch diese Mischung aus Lavagestein, Ziegelsteinmehl und  Naturzement hat ihr historisches Vorbild. Die Kuppel des Pantheons in Rom wurde damit errichtet.

Atmende Außenputze
In unseren geographischen Lagen sind die Außenflächen zweifelsohne anderen Bedingungen ausgesetzt, als im Mittelmeerraum. Zu extremen Witterungsverhältnissen wie Regen und Frost kommen starke Temperaturschwankungen, aber auch hartem UV-Licht muss ein Putz standhalten. Außenputze müssen grundsätzlich stabiler sein als Innenputze, dafür kann man die Schadstoffemission, aus gesundheitlicher Richtung zumindest, vernachlässigen. Herkömmlich werden Putze aus Kalk-Zement oder Putze auf Zementbasis genutzt.

„Zu beachten ist, dass ein Außenputz nicht zu hart sein darf. Minimale Bewegungen des Baukörpers, durch das Trocknen von Holz zum Beispiel oder ein weiches Mauerwerk, könnten schnell zu Rissen im Putz führen”, erklärt Dirk Homann, Architekt aus Berlin. Schlimmstenfalls könnten sich sehr harte Putze von einem Baukörper abschälen. Die Risse übertragen sich dann auf den Anstrich, durch den Wasser in die Putzebene gelangen kann. Und dort kann die Feuchtigkeit dann sin Form von regelrechten Blasen verbleiben.

Diesen Artikel verfasste Marion Müller-Roth für das greenhome Magazin

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1 Response

  1. Gerd Meurer sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zu dem gelungenen Artikel!
    Nich richtig beschriebn sind die Eigenschaften von Tonputz. Im Lehmputz ist Ton das Bindemittel, wird zuviel Ton beigemisch reißt der Lehmputz,. sieht auch http://www.lehmbau.com/Raumklimatische-Eigenschaften-von-Lehm.491.0.html

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