Luft oder dicht?

Feinstaub und Schimmel sind nur einige der Gefahren im Haus, die mit nahezu perfekter Raumdämmung zunehmen. Wenn alles dicht ist, können auch auch Giftstoffe im Haus bleiben und zur Belastung werden.

Die staatliche Verpackungsordnung für Wohngebäude – auch EnEV genannt – soll vor Wärmeverlusten schützen und so kostbare Energie und CO2 einsparen. Ein an sich lohnenswertes Ziel mit zahlreichen Regelwerken, doch wurde in den letzten ,Jahren dadurch auch die Innenraumluft in Wohnungen schwer belastet. Die Folge: Eine Zunahme von Atemwegserkrankungen, Allergien und Rechtsprozessen, verursacht durch Schimmelpilze und Co. In dem von der EU finanzierten Forschungsprojekt AIRMEX wird bestätigt, dass sich viele gefährliche Luftschadstoffe eher in Innenräumen als draußen bemerkbar machen. Alternativen wie „Duftverbesserer“ sollen für angenehme Raumluft sorgen.

Gefahr im Innenraum
Aber es bleiben dennoch Schadstoffe oder Feinstäube übrig oder bilden sich neu aus. Aktive und reproduzierbare technische Möglichkeiten zur Verbesserung und Reinigung der Raumlauft gelangen immer mehr in den Fokus innovativer Unternehmen und geplagter Verbraucher. Bereits heute werden Wohnungen mit mechanischer Fenster-Zwangslüftung beatmet oder Sauerstoffaktivierung bindet und fängt Schadstoffe in der Luft ab. Luftdichte Gebäudehüllen können zur Anreicherung von chemischen und biologischen Innenraumverunreinigungen führen. Bereits bei einer Kohlendioxidkonzentration von über 1000 ppm, Parts per Million, führt das geruchlose Gas zu Ermüdung, Konzentrationsschwäche und schwindender Leistungsfähigkeit.

Bei jeder Gebäudeerrichtung oder auch bei geplanten baulichen Veränderungen ist daher gemäß der EnEV ein Mindestluftwechsel sicherzustellen und nach der neuen DIN 1946-6 der Gesamt-Außenluftvolumenstrom in Abhängigkeit von der Nutzung festgeschrieben. Zurzeit erfolgen die erforderlichen Maßnahmen meist unregelmäßig nur mittels Stoß-oder Querlüftens durch den Mieter. Deshalb ist auch in diesem Winter wieder mit hohen Schadstoffkonzentrationen im Wohnraum zu rechnen. Ein ausreichender Luftwechsel ist laut DIN allerdings nur dann gewährleistet, wenn alle zwei Stunden die Raumluft komplett ausgetauscht wird. Im Rahmen von Neubauprojekten und Sanierungen soll die Feuchteschutzlüftung nutzerunabhängig zur Vermeidung von Bauschäden sichergestellt werden.

Viel Feinstaub im Wohnraum
Das Helmholtz-Zentrum München hat als Quellen für das Vorkommen von feinen und ultrafeinen Partikeln in Innenräumen grundsätzlich zwei Bereiche ermittelt. Die Entstehung von Partikeln durch Vorgänge im Innenraum selbst sowie das Eindringen von Partikeln mit der Außenluft in den Innenraum mit einem Anteil von immerhin bis zu 75 Prozent. In Räumen mit überdurchschnittlich hoher Feinstaubbelastung tragen zumeist vor allem Rauchen, Kochen und Backen, sowie angezündete Kerzen in den Innenräumen wesentlich zu der erhöhten Belastung bei. Der Einfluss von Tabakrauch auf die Feinstaubkonzentration wird gerade in Gaststätten besonders deutlich: Typische PM2,5-Konzentrationen in Wohnungen liegen bei 20-30 μg/m3, dagegen werden in Gastronomiebetrieben durchschnittliche Partikelkonzentrationen von 178 (Restaurants) bis zu 808 μg/m3 in Diskotheken gemessen.

Das Rauchen einer Zigarette erhöht die Grundbelastung an PM10 beispielsweise umetwa 37 μg/m3, in Testräumen wurden Spitzenbelastungen von bis zu 150 μg/m3 beim Rauchen einer Zigarette gemessen. In der Büroumgebung spielen zusätzlich auch der Betrieb von Kopierern und Laserdruckern als Emissionsquellen eine wesentliche Rolle. Kampf den Kleinstteilchen Einfache Maßnahmen wie die Nutzung von Teppichen können Staub zwar binden, doch sind mögliche Gerüche schwerer zu bekämpfen. Wer seine Wohnung beispielsweise mit einem Teppichboden auslegt, ist nach einer Studie aus dem Jahr 2005 vor zu viel Feinstaub in der Atemluft geschützt.

Bei der Studie ermittelten der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) und die Gesellschaft für Umwelt- und Innenraumanalytik dass die Staubkonzentration in einer Wohnung mit Parkett, Laminat oder Fliesen bei einem Kubikmeter Atemluft im Durchschnitt 62,9 Mikrogramm Feinstaub, also 12,9 Mikrogramm mehr als der gesetzliche Grenzwert für Luft im Freien, enthielt. Dufterfrischer und ähnliche Produkte aus dem Supermarkt hingegen werden zwar häufig als Raumluftverbesserer bezeichnet, doch auch hier sind sich Umweltmediziner und Lüftungstechniker einig: Zusätzliche Geruchsstoffe zur Verbesserung des Raumklimas erhöhen Schadstoffanteile in der Luft und verschlechtern meist automatisch die Atemluftqualität für die Menschen. Diese Manipulation wird seit Jahren von Umweltmedizinern verurteilt, denn die Duftstoffe können keine CO2-Werte reduzieren oder gar fehlenden Sauerstoff zuführen.

Sachverständige gegen Schadstoffe

In Verdachtsfällen raumbelastender Schadstoffe, ob durch Baustoffe oder bauliche Veränderungen, sollten gerichtsfeste Labore Schadstoffproben analysieren, denn nur so können mögliche Fehler während der Probenahme oder Messung ausgeschlossen werden. Wird der Rat eines Sachverständigen benötigt, muss das Sachgebiet des Gutachters auf die Aufgabenstellung abgestimmt sein. Denn selbst bei zertifizierten Gutachtern oder Laboreinrichtungen gilt das Zertifikat oder die fachliche Ausrichtung – ähnlich wie bei einem Chirurgen – meistens nur für einen Fachbereich. Hilfreich können hier auch multifunktionale Messgeräte sein, die neben Luftfeuchte auch den CO2-Gehalt und Lufttemperatur, auswertbar als Tabelle, ermitteln und wie in teuren Luxuslimousinen bei zu hoher Konzentration alarmieren. Neuartige CO2-Datenlogger erfassen heute bis zu 5.000 Datenpunkte und ermöglichen so die Überwachung über einen Zeitraum von vier Wochen und mehr. So können die Entstehungsbedingungen von Bauschäden durch Schimmelbildung erkennbar gemacht werden. In Wohn- und Schlafräumen etwa, werden Hinweise auf zu hohe CO2- und Luftfeuchtewerte erkennbar und Ratschläge zum richtigem Lüftungsverhalten möglich.

15 kg Luft, 2 kg Flüssigkeit und gerade mal 1 kg Nahrung – diese Zahlen zeigen: Luft steht als Lebensmittel an erster Stelle. Der Wahrnehmung geschuldet, Luft ist ja kostenlos und immer vorhanden, stehen Qualitätsparameter von Lebensmitteln und Wasser mehr im Licht der Öffentlichkeit. Mit gravierenden Folgen, denn Allergien können nicht etwa nur durch unverträgliche Nahrungsmittel entstehen: Auch die Hautkontakte sind oftmals Grund für unterschiedliche allergische Reaktionen. Mit der Durchsetzung der Energieeinsparverordnung EnEV, fand lediglich die Dämmung, nicht aber die Optimierung der Raumklimatechnik Berücksichtigung. So wurden gedämmte Gebäude nicht nur zu wahren Energieschleudern, auch die Innenluft wurde zum echten Gesundheitsrisiko für Gebäudenutzer.

Aufwendige und teilweise energetisch unzureichende Lüftungs- und Klimatechnik maskiert die EnEV gar als CO2-Förderprogramm, sind sich Experten einig. Gefragt sind Lösungen, die eine manipulationsfreie Zwangs- bzw. Bedarfslüftung ermöglichen. Viele Lüftungsexperten und Mediziner fordern daher eine Art Raumluftqualitätspass. Dem wird nun nach Jahren der Verweigerung und unendlichen Gerichtsprozessen Betroffener mit dem Entwurf der neuen VDI-Richtline 6.038 Rechnung getragen. Der Berliner Lüftungs- und Kimatechnikberater Eckhard Steinicke setzt sich bereits seit Einführung der EnEV für gesunde Innenraumlauft ein und vergleicht Luft ebenfalls mit einem Lebensmittel: „Wir dürfen bei allem Ehrgeiz, Energie zu sparen und deshalb Gebäude luftdicht zu errichten nicht den Zustand erreichen, dass wir durch schlechte Raumluftqualität und hohe  CO2-Konzentration mit gesundheitlichen Risiken leben müssen und dafür dann hohe Krankenkosten erhalten“, so Steinicke.

„In zahllosen Diskussionen habe ich die letzten Jahre immer wieder auf Mängel in der Lüftungs- und Klimabranche hingewiesen. Unzureichend ausgelegte Lüftungsanlagen, unzureichende Wartung und fehlendes Fachwissen von selbsternannten Lüftungstechnikern bergen ein hohes mRisiko für die Gesundheit. Aber auch die energetische Auslegung der Anlagen lässt zu wünschen übrig. Die Raumluftqualität, abhängig von der Ionenkonzentration, Belastung durch CO2, Schadstoffe und Feinstaub, wurde und wird bis heute nicht ausreichend in die Gebäudeplanung eingearbeitet.“

Der unsichtbare Feind

Während Städte zunehmend Umweltzonen einrichten, um damit die Feinstaubbelastung zu verringern, ist die Innenraumluftqualität in den eigenen vier Wänden unzureichend. Gesundheitliche Risiken und Gefährdungen sind Folge unterschiedlicher Quellen: Baustoffe, Biozide, industrielle Abgase, Innenraumverunreinigungen. Dadurch kommt es zu toxischen Belastungen und Schimmelpilzbefall. Auch lungengängiger Feinstaub, PM 10 mit einem oberen Partikeldurchmesser bis zu 10 μm, wird als Schadstoff eingestuft. Dazu gehören auch freigesetzte Feinstäube im Bereich von PM 0,05 bis 0,1 durch Laserdrucker. Weitere Beeinträchtigungen, z. B. Gerüche, Feuchtigkeit sowie Bakterien, Viren und Passivrauchen führen ebenfalls zu zahlreichen allergenen Belastungen.

Diesen Artikel verfasste Uwe Manzke für das greenhome Magazin

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2 Antworten

  1. paula sagt:

    “Aufwendige und teilweise energetisch unzureichende Lüftungs- und Klimatechnik maskiert die EnEV gar als CO2-Förderprogramm, sind sich Experten einig.”
    – welche experten sollen das sein??? die nachrüstung einer lüftungsanlage ist – ja – ein aufwendiges unterfangen. dieses problem hätte man nicht, würde die künstliche belüftung – wie beispielsweise in jedem schwedischen holzhaus, das neu gebaut wird – von anfang an eingeplant. hier hinkt der deutsche, mit seinem unverständnis für innovative lösungen, mal wieder dem stand der technik hinterher.
    für die nachrüstung einer lüftungsanlage gilt: natürlich KEINE reine abluftanlage (das ist die sparvariante für takko- und netto-kunden), sondern eine zentrale oder dezentrale lüftungsanlage mit WÄRMERÜCKGEWINNUNG. heißt: die wärme der abluft wird genutzt um die frische, gefilterte zuluft vorzuwärmen. diese systeme brauchen im schnitt 10% der energie, welche dafür bei der beheizung eingespart wird.
    natürlich ist das kein wochenendprojekt für heimwerker und hobbybastler – da muss ein planer und eine fachfirma ran;)

  2. Emma sagt:

    Warum in die Ferne schweifen, das Gute liegt so nah. Wir sind Netto-Kunden und haben in unserem alten Haus einen Ökolüfter (oekoluefter.de) eingebaut, ein zweiter ist für den 1. Stock in Planung. Fachidioten und Idiotenplaner haben wir uns gespart.

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