Gesundes Gestalten

Wände und Decken sind die größten Flächen im Inneren von Gebäuden. Sind sie nachhaltig gestaltet, so teilen sie nicht nur etwas vom Stil der Benutzer mit, sondern sorgen auch für ihre Gesundheit.

Ein Innenraum sollte ein Refugium sein – ob zum Arbeiten, Wohnen oder Schlafen. Denn über 20 Stunden halten wir Mitteleuropäer uns täglich in ihnen auf. Wie wohl wir uns in den modern belüfteten Räumen tatsächlich fühlen, ist unter anderem abhängig von ihren größten Oberflächen – den Wänden und Decken. Sie stehen im Austausch mit der Raumluft und bestimmen das Raum­klima. Die für sie eingesetzten Putze und Farben können aus mineralischen oder organischen Komponenten bestehen. Fokus dieses Artikels sind mineralische Wandaufbauten. In der nächsten Ausgabe berichten wir über organische Produkte. Welches Material auch gewählt wird – „zur Verwendung von gesundheits- und umweltverträglichen Bauprodukten gibt es keine Alternative“, betont die Direktorin des Umweltbundesamts, Jutta Penning.

Gutes Raumklima
Mineralische Wandaufbauten sorgen für ein gutes Raumklima: Sie werden umweltschonend hergestellt, bringen keine Schadstoffe in die Räume, reinigen die Luft und regulieren die Luftfeuchtigkeit. Damit wirken sie unmittelbar positiv auf das Wohlbefinden und stärken langfristig die Gesundheit. Zudem sorgen sie für mehr Lebensqualität. Denn hochwertige Oberflächen fallen ins Auge. Wer sich die zu ihm passende Gestaltung aussucht, der gewinnt nicht nur die Aufmerksamkeit seiner Gäste, sondern auch tagtäglich ein positives Gefühl.

Lebenselement Wasser
Menschen benötigen ein ganz bestimmtes Maß an Luftfeuchtigkeit. Sowohl zu viel als auch zu wenig ist negativ. Beim Wohnen entsteht meist eher zu viel Wasserdampf. Auf den kühlsten Flächen kondensiert der Dampf wieder zu Wasser. Am Badezimmerspiegel ist das regelmäßig zu sehen. Die Luft kühlt besonders stark auf Fensterfugen, in Außenwandecken oder hinter Möbeln ab, die zu dicht an der Außenwand stehen. Dort gibt sie ihre Feuchtigkeit an die Oberflächen. Gefährlich kann es dann werden, wenn Kondenswasser entsteht und organisches Material vorhanden ist: Silikon, Dispersionsfarbe, Tapetenkleister, Verschmutzungen oder andere organische Stoffe. Wenn sie länger feucht sind und nicht wie Silikonfugen mit umweltschädlichen Bioziden ausgerüstet sind, wird es kritisch. Es beginnt zu schimmeln.

Vorsicht Schimmel
Schimmelpilze wachsen auf feuchtem, organischem Material wie Pilze auf dem Waldboden. Und Schimmel ist nicht nur unansehnlich, sondern produziert auch  gesundheitgefährdende Gifte. Beispielsweise krebserregende Afatoxine, von denen mindestens 20 verschiedene Arten bekannt sind. Aflatoxin B1 verursacht Krebs. Auch das Risiko, eine Allergie oder Asthma zu bekommen, wächst nach Studien mit 12.000 Personen durch Schimmel um 50 Prozent. 2010 kann nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fast die Hälfte der Weltbevölkerung unter einer Allergie leiden. Heutzutage sind nicht nur Altbauten, sondern auch Neubauten schimmelgefährdet. In Altbauten mit diffusionsdichter Innendämmung – aus Styropor beispielsweise – findet sich dahinter oft großflächiger Schimmelbewuchs. In manchem Neubau kommt es durch Baufeuchte und eine geringe Luftwechselrate schon in den ersten Jahren zu Schimmel. In mehr als drei von zehn Fällen kommt es in Schlafzimmern zu Schimmelbefall. Mineralische Produkte entschärfen die Schimmelgefahr in Innenräumen erheblich. Sie sind für Wasserdampf durchlässig und können Feuchtigkeitsspitzen abpuffern. Die Produkte unterscheiden sich unter anderem in ihrer Härte. Lehm ist am weichsten, Kalk ist härter, Silikat am härtesten.

Erdiger Lehm
Lehm ist ein Gemisch aus färbenden Mineralien, Sand und Ton. Er kommt natürlich vor und kann direkt verarbeitet werden. Lehm ist einmalig, weil er nicht chemisch härtet, sondern nur physikalisch trocknet. Deshalb sind reine Lehmoberflächen nur bedingt abriebfest und bleiben feuchteempfindlich. Direkt für Spritzwasserbereiche sollten sie nicht eingesetzt werden. Doch in geschützten Bereichen spielen sie gerade in Bädern und Schlafzimmern ihre raumklimatische Stärke aus. Denn ihr quellfähiger Ton kann weit mehr Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben als alle anderen Baumaterialien. Da Lehm Holz trocknet, wurde er traditionell mit Fachwerk kombiniert. Noch heute gibt es in Deutschland zwei Millionen Fachwerkhäuser und etwa 200.000 alte Gebäude in reiner Lehmbauweise. Auch ökologische Kriterien sprechen für ihn: Bei seinem Abbau wird nur wenig Energie benötigt, bei seiner Aufbereitung entstehen keine Schadstoffe und da er nur trocknet, ist er immer wieder recycelbar.

Moderne Lehmprodukte

Viele Lehmprodukte wurden in den letzten beiden Jahrzehnten modernisiert: vom Stampflehm über Lehmsteine und -platten bis zu Lehmputzen. Die so genannten Lehmfarben und -streichputze gehören zu den organisch gebundenen Farben, da hier das Binde­mittel nicht mehr Ton ist. Ton verleiht den Werkstoffen ihre besonderen Eigenschaften und ihre Farbigkeit. Moderne Dekorbeschichtungen sind farbige, dünne Putze, die nicht mehr gestrichen werden müssen. Für eine faszinierende Oberfläche können zudem natürliche Zuschläge wie Glimmer, Perlmutt oder Strohhäcksel sorgen. Sie werden so herausgearbeitet, dass sie Licht reflektieren und zwischen Gold- und Silbertönen funkeln. Auch farbige Sande oder Farbchips erzeugen ansprechende Effekte. Lehmoberflächen gibt es in unterschiedlichen Qualitätsstufen. Schon ein rauer Putz bei dem man noch die Auftragsspuren sieht, besitzt eine archaische Schönheit. Durch Weiterbeschichtung kann ein kunsthandwerkliches Unikat entstehen: Künstlerische Kratztechniken, schablonierte Ornamente oder geglättete Flächen bieten viele Möglichkeiten für eine ansprechende Gestaltung. In Innenräumen vermitteln farbige Lehme Ruhe und ein Gefühl von Geborgenheit. Die natürlichen Erdtöne Rot, Gelb oder Schwarz verleihen Räumen eine angenehm warme Atmosphäre. Seitdem es auch weiße Lehmprodukte gibt, die sich frei pigmentieren lassen, ist auch ein eindeutig modernes Ambiente möglich.

Vielseitiger Kalk
Kalk ist sehr vielseitig. Nicht nur als Farbe, sondern auch als Putz und Mörtel wird er traditionell eingesetzt. Über Generationen wurde mit einer reinigenden Sumpfkalkfarbe einmal im Jahr der Stall geweißelt. Für die Herstellung von Sumpfkalk wurde Kalkstein gebrannt und mit Wasser „gelöscht“. Dann wurde er in Wasser gelagert – eingesumpft – wo er zu feinem Sumpfkalk zerfiel. Je länger er zerfallen kann, umso feiner wird er.

Modernes Qualitätsprodukt
Wird eine Wand zum ersten Mal mit Sumpfkalk gestrichen, so bedarf es bis zu sechs Schichten, bis er deckt. Zudem bleibt die Oberfläche mehr oder weniger weich – wer daran entlangstreift, kann sich beschmutzen. Der weiße Abrieb sieht nicht nur auf einem schwarzen Jackett unansehnlich aus. Seit je her wurde deshalb versucht, die Festigkeit von Sumpfkalk zu verbessern und die Verarbeitung zu vereinfachen. Natürliche Hilfsmittel, vor allem Leinöl und Kasein aus Quark, erhöhten die Schichtdicke und Abriebfestigkeit. Heute übernehmen diese Aufgabe moderne Zusatzstoffe effizienter. Manchen Farben wird außerdem fein gemahlener Marmor und das Pigment Titandioxid beigemischt, damit sie schon nach zwei bis drei Schichten decken. Dadurch wird der Arbeitsaufwand geringer.

Variationsreich
Kalkprodukte haben eine einzigartige kristalline Brillanz – gepaart mit einer unvergleichlichen optischen Tiefenwirkung: Bei einer ausgereiften Sumpfkalkfarbe ist der sogenannte  Kalklüstereffekt zu sehen. Durch ihn erhält die Oberfläche eine weiche Tiefe. Das von Natur aus zart gelb bis rötlich gebrochene Weiß der Kalkfarbe wird aufgehellt. Die Kalkoberfläche glitzert. Dieser viel gerühmte Effekt, bildet sich allerdings erst nach mehrmaliger Umkristallisierung. Für eine rustikalere Anmutung können moderne Kalkfarben auch feine Sande enthalten. Es gibt vielfältige traditionelle Dekorbeschichtungen wie glänzender Calce Rasato oder farbig intensiver Marmorino, die mit viel handwerklichem Können hergestellt werden. Sie werden mit natürlichen Rohstoffen ebenso angeboten wie mit petrochemischen Additiven, die teilweise die Verarbeitung vereinfachen. Allerdings verändern sie gegebenenfalls auch die gesundheitsschädlichen und optischen Eigenschaften. Nur rein mineralische Komponenten erzeugen die magische Tiefenwirkung und die einmalige Brillanz.

Orientalisch und wasserdicht
Ein besonders schöner Kalkputz ist der Tadelakt. Er stammt traditionell aus Marokko und ist ein besonderer Naturkalk mit natürlichen Beimischungen. Nach dem Verdichten und Einpolieren einer Olivenseife kann ihm Wasser nichts mehr anhaben. Gearbeitet wird von Hand mit einem kleinen Stein. Die entstehende Oberfläche ist von hauchzarten Rissen durchzogen und ähnelt Marmor. Sie fühlt sich samtig weich an und sieht einmalig aus. Tadelakt wurde ursprünglich entwickelt, um Bauteile wasserfest zu machen. Dank seiner hohen Stoßfestigkeit und seiner Oberfläche ist er ideal für Badezimmer und repräsentative Räume. Auch hochwertigen Bauteilen wie Duschtassen oder Handwaschbecken verleiht er Eleganz und Ruhe.

Kristallklare Silikatfarben
Silikatfarben umgibt ein Mythos von hochwertiger Gestaltung und Unverwüstlichkeit. Sie wurden ursprünglich entwickelt, weil die wunderbaren Kalkfresken, wie man sie aus Kirchen und Patrizierhäusern im warmen Süden Europas kannte, nördlich der Alpen im Außenbereich nicht haltbar waren. Erst vor gut 100 Jahren wurden aus dem Bindemittel Wasserglas und Pigmentpulver Farben entwickelt. Zuerst für dekorative, dauerhafte Fassadenmalereien, dann auch für einmalig brillante und farbintensive Anstriche im Innern.

Zweikomponentige Farben
Beim Trocknen verbindet sich die Farbe dauerhaft mit mineralischen Untergründen, Verkieseln genannt. Sie wird nahezu so hart wie Glas, weitaus härter als Kalk. Dabei bleibt sie ebenso gut durchlässig für Wasserdampf. Silikatfarben lassen sich intensiv mit Pigmenten tönen. Das transparente Wasserglas verstärkt ihre Strahlkraft, anders als der milchige Kalk, mit dem heute meist nur pastellige Farbtöne realisiert werden. Die Silikatfarben der ersten Generation bestehen aus zwei Komponenten. Deshalb sind sie aufwendig zu verarbeiten. Allerdings werden sie selbst von durch Chemikalien geschädigten und sensibilisierten Personen vertragen.

Dispersions-Silikatfarben

Einfacher zu verarbeiten und damit günstiger sind Dispersions-Silikatfarben. Wenn sie der Norm entsprechen, enthalten sie nur gering dosierte Dispersionen und Additive. Es ist möglich, dass nicht normgerechten Silikatfarbe bei Menschen mit geschädigtem Immunsystem oder mit chronischer Chemikalienintoleranz Nebenwirkungen hervorruft.

Kieselsolfarben
Die jüngste Generation der Silikatfarben sind die Kieselsolfarben. Durch ihre Additive haften sie auf mineralischen und weiteren Untergründen, was die Arbeit für den Maler einfacher macht. Gerade hier gilt, je komplexer eine Farbe ist, umso wichtiger ist die Deklaration all ihrer Bestandteile.

Der Artikel wurde von Achim Pilz für das greenhome Magazin verfasst

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2 Responses

  1. birgit wioland sagt:

    danke-als erstinfo,super verständlich und schön kurz sowas habe ich gesucht bin nämlich völliger laie und das nicht nur beim thema,leider auch im internet

  2. Michael Ton sagt:

    Ich liebe Lehmprodukte. Sehr nett!!!

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