Bauen mit Stroh

Mit Stroh zu dämmen ist ein ökologischer Trend. Weltweit wird mit neuen Konstruktionen experimentiert. Die norditalienische Architektin Margareta Schwarz aber hat noch mehr im Sinn.

Wenn Johanna Mair von ihrer Arbeit nach Hause kommt, steigt sie die Treppe hinauf und geht an der alten Wohnung von ihr und ihrem Mann vorbei. Einen Stock höher, dort, wo früher das dunkle und niedrige Dachgeschoss war, öffnet sich nun vor ihr eine großzügige Aufstockung. Schon auf dem Treppenpodest wird sie von runden Wänden empfangen. Hinter der Eingangstür erwartet sie ein heller und luftiger Raum. Ein hohes, gewölbtes Dach schwebt über Wänden, die gleichsam vor und zurück schwingen wie Vorhänge in einer leichten Brise. Über der Diele tragen helle Hölzer eine Galerie mit verglastem Boden, sodass der Blick über das Dachfenster bis in den Himmel geht. Der lichtdurchflutete, organisch gestaltete Raum weckt Assoziationen an lebendige Strukturen. „Ich bin aufgeschlossen für biologisches Wohnen“, sagt die Hausherrin. „Das ist wie wohnen in der Natur.“

Eine Treppe wie ein Skulptur führt nach oben auf die Galerie, die vor allem im Winter zum Schmökern genutzt wird. Das an die Diele anschließende Wohnzimmer rundet sich zu einem gemütlichen Raum mit einer großzügigen Verglasung. Der Blick geht über die Weinreben auf den Berg im Hintergrund. Am Abend verleiht ein Holzofen dem Raum eine gemütliche Atmosphäre und hält die Heizkosten gering. Die eigentliche Heizung ist unsichtbar. In den Wänden sind Heizleitungen eingeputzt, die angenehme Wärme abstrahlen. Eine Methode, die besonders im Lehmbau verbreitet ist.

Organisch und offen
Organisch geschwungen zweigen rechts und links der Diele die Zugänge zu den übrigen Räumen ab. Auf der linken Seite liegt die Küche mit viel Platz, einer frei stehenden Kochinsel und einem runden Esstisch. Wie fast alle Räume ist auch sie nur durch eine mannshohe Mauer abgetrennt. Das behütende Dach ist von überall in seiner ganzen Pracht zu erleben. Auf der anderen Seite des Wohnzimmers liegt das Schlafgemach. Hier sorgen Glasscheiben über der Wand für freien Blick und akustische Trennung. Selbst das Designerbad ist wie eine luftige Insel in den Raum integriert. „Wir haben das Bad im Zimmer“, erzählt die Bauherrin zufrieden. „Früher gab es viel Dampf, wenn wir geduscht haben. Hier merke ich es überhaupt nicht. Der Lehm saugt es irgendwie auf. Auch in der Küche haben wir keinen Dampf mehr wie früher mit normalen Wänden.“

Ökologische Materialien
Das Besondere an der Sanierung ist die konsequente Dämmung mit Stroh. Gemeinsam mit Lehm erzeugt das ein angenehmes und gesundes Raumklima. „Stroh und Lehm lieben sich. Das Stroh sorgt für Wärme und der Lehm für die Kühle”, erklärt die Architektin Margareta Schwarz. Im Sommer sind es maximal 25 Grad unter dem hohen Dach. Im Winter sorgt die Strohdämmung mit einem U-Wert von 0,13 W/m²K für wohlige Temperaturen und eine kräftige Reduktion der Heizkosten. Morgens und abends läuft die Heizung nur jeweils eine Stunde. „So wenig haben wir noch nie geheizt, wie jetzt“, freut sich Johanna Mair. Im Vergleich zu ihrer alten Wohnung betragen die Heizkosten nur noch ein Viertel. Die technischen Komponenten der Sanierung sind eine neue Gas-Brennwert-Therme und sechs Quadratmeter Plattenkollektoren. Und wenn genug Zeit für die Holzbereitung ist oder das Gas einmal knapp werden sollte, genügt der Holzofen, um die benötigte Wärme zur Verfügung zu stellen.
Nur 1.300 Euro hat das Dämmmaterial gekostet. Es ist das gleiche Stroh, wie es auf jedem Bauernhof verwendet wird. Das Stroh kommt vom Feld auf die Baustelle und wird unbehandelt eingebaut und mit Lehm verputzt. „Eine primitive Art zu bauen“, scherzt die Architektin. Weil sie gerne ökologische Materialien verwendet, experimentiert sie seit 2002 auch mit Stroh. Und hat schon einige Projekte realisiert, bei denen das Naturmaterial eingesetzt wurde. „Manchmal ist in der Wohnung ein ganz leichter Geruch von Stroh wahrzunehmen“, erzählt die Bauherrin. Aber das stört weder sie noch ihren Mann. Im Gegenteil, sie finden es sogar sehr angenehm.

Harmonisches Design
Auch für die Konstruktion und alle Oberflächen wurden Naturmaterialien verwendet. Der Boden ist aus dunklem und kräftig gemasertem Nussbaum. Türen, Konstruktion und Deckenverkleidung sind aus hellem Nadelholz, das noch etwas nachdunkeln wird. Die Türen sind geölt, aber die meisten Flächen, wie selbst die Wendeltreppe, sind naturbelassen. Alle Wände erhielten warm getönte Lehmputze. Hier haben Architektin und Bauherren experimentiert. Direkt unter dem Dach beleben grobe Strohhäcksel die mineralisch gekörnten Oberflächen. Im Wohnzimmer gibt es feinere, glitzernde Zuschläge, die zu den unterschiedlichen Tageszeiten verschieden leuchten. Selbst dem Bad verleihen rot, gelb und beige getönte Lehme Atmosphäre. Die um die von Alessi designten Badmöbel schwingende Lehmwand ist künstlerisch gestaltet. Nur die Dusche ist verglast. „Da hatten manche Bedenken“, erinnert sich die Bauherrin. „Aber ich habe es trotzdem riskiert. Und wir haben keinerlei Probleme. Wenn es nass wird, trocknet es wieder.“ Durch die kräftigen Farben und Strukturen sind die Badwände sehr robust. Anders sieht es da bei den übrigen Lehmoberflächen aus. „Die Wände sind schon ein bisschen empfindlich. Sie leiden, wenn die Enkelin da ist“, erzählt Johanna Mair lachend. „Aber mein Mann macht dann ein bisschen Lehm mit Wasser an und repariert sie für mich. Das ist überhaupt kein Problem. Wir fühlen uns sehr wohl“, sagt sie zusammenfassend. „Ich möchte das Haus nicht mehr missen.“

Text: Achim Pilz für das greenhome Magazin

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1 Response

  1. robert knapp sagt:

    ich arbeite fast täglich mit stroh und lehm sowie traskalk .
    beste erfahrungen und sehr viele möglichkeiten.
    ich liebe diese baustoffe.

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