Bauen mit sieben Siegeln?

Wer heute baut oder umbaut, will sicher- gehen, dass das Ergebnis der Gesundheit gut tut und die Umwelt entlastet. Es gibt drei Wege, das zu garantieren: Bauen mit einem Planer, der Referenzobjekte mit zufriedenen Bewohnern vorweisen kann, oder mit einem Preisträger bei Nachhaltigkeits-wettbewerben und natürlich mit Siegeln. Doch welchen Abzeichen kann man vertrauen und was garantieren sie?

Private Bauherren, die nachhaltig bauen, wol- len ein gesundes Raumklima. Das heißt: frische Luft ohne Feinstaub, aus- reichenden Schallschutz, sommerlichen und winterlichen Wärmeschutz und eine gute Belichtung. Selbstverständlich sind dann auch eine Energieeffizienz, die über den heutigen Standard hinausgeht, die Recyc-lierbarkeit der eingesetzten Baumaterialien und alles zu adäquaten Kosten. Zuviel VOC (flüchtige organische Stoffe) sind ebenso ausgeschlossen wie Holzschutzmittel, Asbest und auch Nanopartikel – zumindest im oberflächennahen Bereich. Auch die Schimmelgefahr lässt sich baulich reduzieren. Doch wer garantiert Standards?

Blauer Engel
Der Blaue Engel von Umweltbundesamt und RAL ist eines der ältesten und bekanntesten Siegel. Ihm ist es zu verdanken, dass diese Art der Verbraucheraufklärung in Deutschland Fuß fassen konnte. Verbraucher schätzen etwa schadstoffarme Lacke oder emissionsarme Wandfarben. Der Blaue Engel wird nach einzelnen Kriterien verliehen. Das reicht aber heute nicht mehr aus, um ein nachhaltiges Produkt von der Wiege bis zur Bahre zu bewerten, schon gar nicht für ein ganzes Haus.

Siegel für Wohnhäuser
In der Schweiz gibt es mit dem Minergie-Eco-Standard eine Möglichkeit, die Nachhaltigkeit von Wohnhäusern zu vergleichen und zu zertifizieren. In Deutsch- land wird von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bau-en (DGNB) gerade ein gesetzkonformes Siegel für ganze Wohngebäude entwickelt. Einzelne Aspekte davon kontrollieren heute schon die Gütegemeinschaft energieeffiziente Gebäude e. V. und das Sentinel-Haus Institut (SHI). Während die Gütegemeinschaft Niedrigenergie- und Passivstandard qualifiziert, minimiert das SHI unerwünschte Schadstoffe und Bauschäden beim Erstellen von Holzhäusern. Es kontrolliert die Innenraumluft und garantiert ihre Unbedenklichkeit.

Arge kdR – Anwalt der Verbraucher
Die Arbeitsgemeinschaft kontrolliert deklarierte Rohstoffe (Arge kdR) hat sich nachhaltiges Bauen als Anwalt der Verbraucher auf die Fahnen ge­- schrieben. Der Verein wurde 2003 gegründet und ist inzwischen auch für europäische Umwelt- und Verbraucherschutz- organisationen tätig. Für mehr Gesundheitsschutz und Gesundheitsvorsorge fordert er eine gläserne Rezeptur von Bauprodukten durch eine verbindliche Deklaration aller Inhalts- stoffe. Diese geregelte Volldeklaration steht in einer Internetdatenbank zur Verfügung (www. positivlisten.info). Zusammengefasst sind die Daten in dem übersichtlichen R-Symbol, das die Verbindlichkeit der Informationen belegt.

Qualität durch Natureplus
Das bekannte natureplus-Zeichen (www.natureplus.org) ermöglicht die direkte Auswahl qualitativ hochwertiger Produkte. Es steht für hohe technische Qualität, also gute Ge- brauchstauglichkeit, Unbedenklichkeit in Bezug auf gesundheitliche Beeinträchtigungen und für eine umweltverträgliche Herstellung. Die Verbraucherzentrale NRW lobt das Zeichen als besonders umfassend. Es wird vom 2001 gegründeten internationalen Verein natureplus verliehen. In ihm sind Umweltverbände wie der BUND und der WWF, Hersteller- und Handelsorganisationen, Umweltforschungsinstitute und Planer vertreten. Seine Kriterien werden von unabhängigen Prüfinstituten durch Labortests und von einer Expertengruppe durch Betriebsbegehungen geprüft. Es bewertet Produkte vom Dachziegel bis zum Fundamentstein, laufend kommen neue hinzu. Die in den Kriterien eigentlich verlangte Volldeklaration fehlt jedoch oft.

DGNB wächst rasant
Mitte 2007 wurde die DGNB von Architekten, Wissenschaftlern, Bauindustrie und Investoren gegründet. Sie wächst rasant und hat mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung BMVBS ein Zertifizierungssystem für gesunde Gebäude entwickelt – das Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen. Das Ministerium hat damit seinen Leitfaden Nachhaltiges Bauen weitergeführt. Das DGNB-Siegel soll besonders umweltfreundliche, gesunde und ressourcensparende Gebäude auszeichnen. Es bewertet die Nachhaltigkeit mit einer Gesamtnote und den Kategorien Gold, Silber oder Bronze – allerdings vorerst nur bei Büro- und Gewerbegebäuden. Ein angepasstes Siegel für Wohnhäuser ist seit Januar 2010 in der Testphase. Seine Inhalte und Kriterien werden noch angepasst.

Kritik an der DGNB
Thomas Schmitz-Günther, Geschäftsführer von natureplus, bemängelte schon 2008 anlässlich einer Veranstaltung der DGNB: “Solche Zertifizierungen sagen auf Gebäudeebene wenig aus über die Qualität der einzelnen verwendeten Bauprodukte. […] Auch die Interessen von gesundheitlich sensiblen oder allergischen Personen werden bei diesem Bewertungskonzept nicht berücksichtigt.”
Manfred Krines, Vorstandsmitglied der Arge kdR und Mitentwickler des Kriterienkatalogs beim DGNB-Arbeitskreis “Emissionen aus Bauprodukten in Innenräumen” wird noch deut- licher: “Die DGNB drückt sich um eine Kriterienliste, nach der bestimmte Bauinhaltsstoffe ausgeschlossen sind.” Der Schweizer Minergie-Eco-Standard ist da schon weiter (siehe Kasten). Mit Blick auf den Schutz der Nutzer resümiert Krines: “Die Bilanzierung und Bewertung nachhaltiger Gebäude beginnt mit der Bilanzierung und Bewertung der nachhaltigen Bauprodukte.”

Indifferente Haltung
Momentan werden technisch erzeugte Nanopartikel viel diskutiert. Zu ihnen macht der Kri- terienkatalog der DGNB jedoch noch keine Aussagen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND hingegen hat zu den winzigen Partikeln eine eindeutige Position: „Jeder Einsatz und jede Anwendung von nanoskaligen Stoffen ist zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Auch die Arge kdR fordert, dass „technisch erzeugte Nanopartikel in Gebäuden mit Bestnote nicht enthalten sein sollten und eine verbindliche Deklaration der Risiko- und Gefahrenstoffe.“ Solange die DGNB Baumaterialien und die Gesundheitsgefährdung durch sie nicht streng bewertet, läuft sie Gefahr, bei privaten Hausbauern nicht ernst genommen zu werden. Aber vielleicht werden ja bis zum Ende der Testphase des Wohnhaus-Siegels die Kriterien in diese Richtung noch verschärft.

Weitere Anbieter
Das IBR-Zertifikat wird vom Institut für Baubiologie Rosenheim seit 1978 vergeben. Die Prüfkriterien orientieren sich an der Baubiologie. Als Grenzwerte werden in der Regel die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation verwendet. Unabhängig- keit der Kriterien scheinen allerdings nicht gesichert! In den Prüfsiegelrichtlinien des Instituts steht: “Ergibt die mathematische Auswertung mehr als 50 Prozent, aber weniger als 100 Prozent der erreichbaren Wertigkeit, so ist die Anerkennung der Prüfung als ‘bestanden’ eine Ermessensfrage des Güteausschusses des IBR”.

Die Euroblume ist ein europaweites Umweltzeichen für Produkte mit geringeren Umwelt- belastungen als herkömmliche. Es hat allerdings wenig Relevanz für Deutschland. Auch das IBO – Österreichisches Institut für Baubiologie und Bauökologie zertifiziert Bauelemente.

Ökologisch ohne Siegel
Ein Produkt ohne Siegel muss allerdings nicht gleich schlecht sein. Denn nicht alle Firmen können sich eine Zertifizierung leisten. Es gibt Unternehmen, die ausschließlich ökologische Produkte herstellen. Für diese, meist kleineren Firmen ist eine Zertifizierung schlicht zu teuer. Sie überzeugen vielmehr durch eine bekanntermaßen lange Beschäftigung mit dem Thema Ökologie.

Der Artikel wurde von Achim Pilz für das greenhome Magazin verfasst

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